gefährliches Eiweiß?

Auf einer solchen Wiese gibt es natürlich einen satten Eiweißüberschuss!
Auf einer solchen Wiese gibt es natürlich einen satten Eiweißüberschuss!

Viele Pferdebesitzer haben Angst vor zu viel Eiweiß im Pferdefutter. Gerade für Robustrassen wird immer wieder empfohlen: Eiweißarm füttern! Für mich war es also ebenfalls eine Selbstverständlichkeit, dass meine Tinkerdamen eiweißarm gefüttert werden sollten. Das war quasi Gesetz und daran wurde nicht gerüttelt. 

 

Diverse Krankheiten brachte man mit einer Überversorgung an Protein in Verbindung: Besonders Hufrehe, Sommerekzem und Mauke sollten angeblich durch zu viel Eiweiß begünstigt werden, denn man hatte beobachtet, dass diese Probleme eher auftreten bei einem hohen Angebot an eiweißreichen Futtermitteln (z. B. frische Wiese, früh geerntetes Heu oder Getreide).  Doch diese Futtermittel enthalten üblicherweise neben Eiweiß auch einen sehr hohen Anteil an Kohlenhydraten und Energie. Und inzwischen weiß man: Verantwortlich für diese Probleme sind nicht die Proteine, sondern zu viele Kohlenhydrate und der Energieüberschuss als solches. Die Angst vor Eiweiß in Pferdefütterung hält sich jedoch hartnäckig.

 

Auch in diversen Standardwerken zur Pferdefütterung liest man zum Thema "Eiweißversorgung", wir hätten in Deutschland nicht mit Eiweißmangel beim Pferd zu rechnen. Im Gegenteil! Diverse Berechnungen in diesen Werken ergeben: Im Heu ist meist mehr als genug Protein enthalten und auf der Wiese sind die Pferde sowieso stark überversorgt. Die Berechnungen wurden jedoch an Heu durchgeführt, das spätestens zum Ende der Blüte gemäht wurde. Da dieses Heu jedoch sehr energiereich und somit nicht gut für eher leichtfuttrige Pferde geeignet ist, wird heutzutage gerade für Freizeitpferde meist deutlich später geerntet. Schon gegen Ende der Blüte reicht der Gehalt an Lysin oft nicht aus und nach der Blüte sinkt der Gehalt an dünndarmverdaulichem Eiweiß insgesamt sehr schnell ab. 

 

Eiweiß - Baustein des Lebens

Dicker Schweif, Doppelmähne und auch noch Puscheln an den Beinen - das alles verbraucht allerhand Eiweiß!
Dicker Schweif, Doppelmähne und auch noch Puscheln an den Beinen - das alles verbraucht allerhand Eiweiß!

Eiweiß (Protein) wird auch gerne als Baustein des Lebens bezeichnet. Und das zu Recht! Denn ohne Eiweiß geht im Körper eigentlich gar nichts: Proteine bestehen aus Aminosäuren. Diese werden zum Aufbau sämtlicher Strukturen im Körper benötigt. So zählen z.B. auch Keratine, die Hauptbestandteile in Huf und Haar, zu den Proteinen. Stoffwechsel und Immunsystem sind ebenfalls auf ausreichende Proteinzufuhr angewiesen, denn z.B. Hormone, Enzyme und Antikörper benötigen für den Aufbau ebenfalls entsprechende Aminosäuren.

 

Was ergibt sich daraus? Natürlich sollte man alle Pferde bedarfsgerecht ernähren, aber in einigen Fällen muss man ein ganz besonderes Augenmerk auf die Eiweißversorgung legen: 

 

- Sehr haarige Pferde (also auch Robustrassen wie Tinker, Isländer, Norweger) benötigen nicht WENIGER Eiweiß - sie brauchen mehr! Denn die vielen Haare bestehen ja vor allem aus Proteinen! 

 

- Pferde mit Hautproblemen dürfen auf keinen Fall zu eiweißarm ernährt werden, denn um geschädigte Hautstrukturen wieder zu reparieren, benötigt der Körper entsprechende Aminosäuren.

 

- Pferde mit Stoffwechselerkrankungen wie zum Beispiel EMS oder Cushing sollten ebenfalls nicht zu knapp mit Eiweiß versorgt werden. 

 

- Für Pferde, die von einer Hufrehe genesen sollen, ist die ausreichende Proteinzufuhr absolut notwendig, denn auch die Strukturen im Huf brauchen ja zum Aufbau entsprechend Aminosäuren. 

 

- Bei Pferden, die abnehmen sollen, muss bei niedrigem Energiegehalt in der Ration gleichzeitig auf ausreichend Eiweiß geachtet werden, denn ein Mangel führt zum Abbau der Muskulatur, was im Abnehmprozess aber unbedingt vermieden werden muss.

 

- Bei Pferden, die Muskulatur aufbauen sollen und bei Pferden im Wachstum, sollte man natürlich ebenfalls ein besonderes Augenmerk auf die Eiweißversorgung haben. 

Und wieviel Eiweiß braucht mein Pferd nun?

Hoher Gehalt an dünndarmverdaulichem Eiweiß - hier wird das Pferd schnell über den Bedarf hinaus versorgt.
Hoher Gehalt an dünndarmverdaulichem Eiweiß - hier wird das Pferd schnell über den Bedarf hinaus versorgt.

Die ausreichende Proteinzufuhr ist also äußerst wichtig. Trotzdem wäre es natürlich falsch, ständig zu viel Eiweiß zu füttern, denn u.a. belastet ein Eiweißüberschuss Leber und Nieren. Nach dem Motto "viel hilft viel" darf man hier also auch nicht verfahren.

 

Zunächst sollte man sich die Futterration des Pferdes genau anschauen: Was und wieviel wird gefüttert? Wann wurde das Heu geerntet? Anhand einer Heuanalyse (lesen Sie gerne hier: "Was steckt im Heu?") kann man den Gehalt an dünndarmverdaulichem Eiweiß ermitteln lassen und dann genau berechnen, wie es um die Versorgung des Pferdes bestellt ist. Dies ist ganz besonders ratsam bei Pferden, die unter gesundheitlichen Problemen leiden. 

 

Einige Male habe ich nun schon den Begriff "dünndarmverdauliches Eiweiß" erwähnt. Damit wissen die meisten Pferdebesitzer zunächst einmal nicht viel anzufangen, denn deutlich häufiger liest man einfach von Rohprotein. Um zu verstehen, warum aber der Gehalt an dünndarmverdaulichem Rohprotein (abgekürzt mit pcvRp oder auch pcvXP) so wichtig ist, muss man folgendes beachten: Im Magen beginnt der Abbau von Eiweiß, im Dünndarm wird dieses vorgespaltene Eiweiß dann in Aminosäuren zerlegt und verdaut. Dies ist jedoch nur möglich bei den im Zellinneren vorliegenden Eiweißen. Die Proteine, die in der Zellwand gebunden sind, können nicht im Dünndarm verdaut werden. Darum liegt also der Gehalt an dünndarmverdaulichem Eiweiß im Heu deutlich unter dem Rohproteingehalt. Wichtig für die Versorgung des Pferdes sind aber die Aminosäuren, die im Dünndarm verdaut werden können - also das pcvRp. Bei einem 500 kg-Pferd in Erhaltung geht man von einem Bedarf von 315 g pcvXP / Tag aus. Diverse Faktoren können jedoch schnell zu einem Mehrbedarf führen.

 

Und wie ergänze ich Eiweiß, wenn der Gehalt im Heu zu niedrig ist?

Dieses Heu kann den Eiweißbedarf der Pferde nicht decken, zumal es gar nicht einmal so energiearm ist. Hier muss unbedingt entsprechend ergänzt werden.
Dieses Heu kann den Eiweißbedarf der Pferde nicht decken, zumal es gar nicht einmal so energiearm ist. Hier muss unbedingt entsprechend ergänzt werden.

Bei schlanken Pferden ist es natürlich ganz einfach: Man kann ihnen mehr oder auch gehaltvolleres Heu geben. Auch Hafer, Sojaschrot oder / und Luzerne sind geeignet, den Eiweißgehalt in der Ration zu erhöhen. 

 

Schwieriger wird es bei schon übergewichtigen / leichtfuttrigen Pferden. Diese Pferde sollten sinnvollerweise möglichst energiearmes Heu bekommen. Dieses Heu ist jedoch oft so eiweißarm, dass der Bedarf nicht annähernd gedeckt wird. Die Folge davon können Muskelabbau, Haut- und Hufprobleme, schlechter Fellwechsel, schlechte Wundheilung, schlechte Regeneration nach Hufrehe u.a. sein. Man kann aber diesen Pferden nicht einfach mehr Eiweiß in Form von energiereichem Futter geben. Also ist es ratsam, in diesen Fällen auf hochkonzentrierten Ergänzungsfuttermitteln zurückzugreifen. In manchen Fällen ist die Gabe von etwas Sojaschrot (ca. 36,5 % pcvRp) sinnvoll, in andern Fällen arbeitet man besser mit speziellen  Aminosäureprodukten.

 

Diese Aminosäureprodukte haben den Vorteil, dass den sehr eiweißreichen Trägerstoffen noch zusätzlich die limitierenden Aminosäuren Lysin, Threonin und Methionin zugesetzt sind. Fehlen diese Aminosäuren, können Eiweiße im Körper nicht genügend aufgebaut werden. Der Gehalt an diesen Aminosäuren ist also neben dem Gehalt an dünndarmverdaulichen Eiweiß an sich immer zu beachten. Auch bei Pferden mit Problemen im Magen- und / oder Dünndarmbereich machen diese Produkte Sinn, weil sie leichter zu verwerten sind. 

 

Auch, wenn ich selber zunächst also skeptisch war und wie viele andere Halter von Robustpferden eher auf eiweißärmeres Futter achtete, musste ich inzwischen umdenken: Eine Charge mit extrem niedrigem Gehalt an dünndarmverdaulichem Eiweiß führte bei uns zu so allerhand Problemen. Seitdem ich jedoch auf die ausreichende Versorgung achte, stehen meine Damen wieder viel besser da!

Quellenangaben:

- Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden der GfE (2014, DLG Verlag)

- Pferdefütterung (Meyer / Coenen, Enke Verlag, 5. Auflage)

- Webinar "Was braucht Purzel" - Teil 2 Thema "Protein" Constanze Röhm

- Vorträge Prof. Dr. Zeyner und Dipl. Ing. agr. Lengwenat auf dem 17 Pferde-Workshop, Burg Warberg