Nur Natur im Futtertrog?

Man liest im Internet immer wieder diverse Artikel über unterschiedliche Fütterungsphilosophien. Vieles, was da geschrieben wird, ist sehr interessant und natürlich ist es gut,  sich kritisch mit den verschiedenen Futtermitteln auseinander zu setzen. Oft wird aber auch einfach pauschal unterteilt in natürlich ist gut – chemisch ist schlecht. Aber was ist natürlich und was ist chemisch? Kann man das wirklich einfach so unterteilen? Und ist chemisch immer schlecht und natürlich immer gut? Häufig fällt mir auf: Da wird so einiges wild durcheinandergewürfelt. Und so werden manche Futtermittel nicht richtig bewertet, nicht richtig eingestuft und auf manches wird ein falsches Licht geworfen oder es werden falsche Erwartungen gestellt.

Organische Mineralstoffe?

Den Etiketten der Futtermittel kann man entnehmen, in welcher Form Spurenelemente beigefügt wurden.
Den Etiketten der Futtermittel kann man entnehmen, in welcher Form Spurenelemente beigefügt wurden.

Der Begriff "organisch" wird oft gleichgesetzt mit "natürlich". Das ist allerdings im Zusammenhang mit Mineralen sehr missverständlich. Mineralstoffe als solches können nicht organisch sein. Denn organisch hat hier nichts mit natürlich oder unnatürlich zu tun, sondern mit (Ihr erinnert Euch an die Schulzeit?) organischer und anorganischer Chemie. Ich zitiere Wikipedia: "Organische Chemie ist ein Teilgebiet der Chemie, in dem die chemischen Verbindungen behandelt werden, die auf Kohlenstoff basieren..."

 

Und so sind Eisen, Calcium, Selen, Zink & Co also  anorganische Stoffe. Es ist darum nicht korrekt, von organischen Spurenelementen zu sprechen. Falsch ist es auch, anorganische Spurenelementverbindungen per se als unnatürlich zu bezeichnen.

 

ABER: Die Mineralstoffe können  im Futter in unterschiedlichen Verbindungen vorliegen. Denn man kann dem Futtermittel nicht zum Beispiel Zink in Reinform beimischen, sondern nur in Form von bestimmten Zinkverbindungen - nämlich in Form von anorganischen oder von organischen Verbindungen. Und diese unterschiedlichen Verbindungen können unterschiedlich gut verwertbar sein. Man geht oft davon aus, dass Spurenelemente in organisch gebundener Form besser verwertet werden können als Spurenelemente in anorganisch gebundener Form. Aber organisch gebunden heißt nicht gleichzeitig natürlich! Es sagt lediglich aus, dass da ein Mineral an eine organische Substanz (häufig  Aminosäurekomplexe) gebunden ist. Und nicht immer gibt es nachweislich diese Unterschiede in der Verfügbarkeit von organisch und anorganischen Mineralstoffen. Auch einige anorganische Verbindungen werden gut aufgenommen. 

Natürliche Fütterung?

Eine bunte Mischung aus Samen, Gemüse, Kräutern - eine schöne Futterergänzung!
Eine bunte Mischung aus Samen, Gemüse, Kräutern - eine schöne Futterergänzung!

Spricht man von natürlicher Fütterung, dann geht man davon aus, dass solche Futtermittel zum Einsatz kommen, denen KEINE Vitamine, Mineralstoffe usw extra zugefügt sind. Diese Futtermittel enthalten nur die Nährstoffe, die natürlich enthalten sind. Außerdem möchte man sein Pferd möglichst artgerecht ernähren mit solchen Dingen, für die der Verdauungstrakt des Pferdes ausgelegt ist.  Zusatzfuttermittel, die dafür zum Einsatz kommen, sind z.B. Mischungen aus verschiedenen Obst-, Gemüse-, Kräutersorten, Rinden, Seealgen, Kieselgur, Ölsaaten und einigen andere Dinge.

 

Wie auch in der menschlichen Ernährung wäre es natürlich wünschenswert, den Nährstoffbedarf unserer Pferde auf diesem Wege zu decken. Denn diese Futtermittel enthalten nicht nur viele Vitamine und Mineralstoffe, sondern auch eine Vielzahl an wichtigen sekundären Pflanzenstoffen. Alles liegt in Komplexen vor, wie die Natur es vorgesehen hat und der Körper es darum gut verwerten kann. Die Konzentration an Mineralstoffen und Vitaminen ist in den natürlichen Futtermitteln deutlich geringer als einem Mineralfutter. Über viele Jahre habe ich meine Pferde ausschließlich natürlich ernährt. Sie hatten damit keinerlei Probleme und die Blutwerte waren einwandfrei.

 

Leider jedoch sind in den meisten Fällen die Mineralstoffgehalte (besonders an Zink, Kupfer und Selen) im Heu so niedrig, dass das Pferd mit der rein natürlichen Fütterung unterversorgt ist. Man schafft es nicht, diese Unterversorgung allein durch natürliche Futtermittel auszugleichen. Also müssen wir dem Pferd anders helfen und realistisch sehen: In der Regel reicht die rein natürliche Fütterung nicht aus, weil wir unsere Pferde eben auch nicht natürlich halten können. Ein größeres Spektrum an sekundären Pflanzenstoffen können und sollten wir unseren Pferden durchaus über diese natürlichen Futterzusätze bieten. Aber zur Nährstoffversorgung reichen diese Zusätze allein meist nicht aus.

Ein Beispiel:

Niedriger Zinkgehalt, dazu wenig dünndarmverdauliches Protein - kein Wunder, dass die Pferde Hautprobleme bekamen bei ausschließlicher Fütterung dieses Heus!
Niedriger Zinkgehalt, dazu wenig dünndarmverdauliches Protein - kein Wunder, dass die Pferde Hautprobleme bekamen bei ausschließlicher Fütterung dieses Heus!

Eine meiner Heuchargen enthielt 20 mg Zink / kg (dieser Wert liegt übrigens nur wenig unter den durchschnittlichen Zinkgehalten in deutschem Heu). Rechne ich nun, dass ein 500 kg-Pferd davon pro Tag 10 kg frisst, bekommt es also über das Heu pro Tag 200 mg Zink. Man geht  davon aus, dass ein 500 kg-Pferd schon im Erhaltungsstoffwechsel 425 mg Zink pro Tag benötigt. Ich müsste also pro Tag 225 mg Zink ergänzen.

 

Wenn man jetzt schaut, wieviel Zink wohl in natürlichen Futtermitten enthalten ist, dann sieht man schnell: Damit kann man solch niedrige Zinkgehalte nicht ausgleichen! Zu der Zeit, als ich noch verschiedene Kräutermischungen selber herstellte, ließ ich einige unterschiedliche Produkte (in diesen Mischungen waren vor allem Dinge enthalten, die als sehr spurenelementreich gelten!) und auch Seealgen auf ihre Spurenelementgehalte untersuchen.

 

Die Ergebnisse waren eher niederschmetternd:

Der höchste Zinkgehalt in einer dieser Mischungen lag bei  71 mg / kg (es waren Weizenkeime enthalten, die sich durch einen besonders hohen Zinkgehalt auszeichnen). Die Analyse der Seealgen ergab, dass in Seealgen zwar Jod reichlich enthalten ist, Selen jedoch war noch nicht einmal nachweisbar und der Zinkwert lag mit 22 mg / kg ungefähr beim Zinkgehalt üblichen deutschen Heus.

 

Steht nun also nur recht spurenelementarmes Heu (wie es meist ja der Fall ist) zur Verfügung, schafft man es nicht, diese Defizite rein natürlich auszugleichen. Denn man müsste viel zu große Mengen geben (man müsste ja von diesen natürlichen Zusatzfuttermitteln jeweils mehrere Kilo geben, um die Differenz auszugleichen), als es noch gut und sinnvoll wäre.

 

Nun könnte man sagen, dass diese ganzen Werte, die berechneten Bedarfszahlen, Analysen usw nicht interessieren müssen, denn in der Natur wird auch nicht gerechnet und es wird wohl so eingerichtet sein, dass ein Pferd nur einen solchen Zinkbedarf hat, wie es ihn mit natürlichen Dingen decken kann. Aber im Gegensatz zur Natur werden die Pferde leider in unserer Haltung in der Regel sehr einseitig in erster Linie mit Heu ernährt und sie haben wenig Möglichkeit, sich größere Mengen an spurenelementreicherem Futter zu suchen. Wenn nun nur kurzzeitig sehr spurenelementarmes Heu gefüttert wird, ist das sicher auch nicht schlimm. In der Natur wechseln die Gehalte auch immer einmal, das ist völlig in Ordnung. Wenn aber über Monate oder gar Jahre ständig zu mineralstoffarmes Heu gefüttert wird und das Pferd das nicht anderweitig ausgleichen kann, so wird es zu Problemen kommen.

 

So war es auch bei uns... 8 Jahre lang habe ich weder Müslis noch Mineralfutter gegeben. Lediglich verschiedene Kräuter, Beeren, Hagebutten, Seealgen, viele Zweige und Äste usw habe ich neben dem Heu verfüttert. Immer wieder habe ich zwischendurch die Blutwerte kontrolliert - alles war in Ordnung und ich war äußerst zufrieden mit dieser Art der Fütterung. Es gab keine Probleme wie Mauke, Raspe oder Ekzem. Fellwechsel lief immer schnell und unproblematisch - alles war gut bis zum Winter 2014/15...

 

Plötzlich bekamen 2 meiner 3 Stuten  Hautprobleme: Erst Milben, daraus resultierend eine Raspe, die erstaunlich hartnäckig war. So ließ ich eine Blutuntersuchung machen und diese ergab einen erheblichen Zinkmangel und Manganüberschuss. Daraufhin ließ ich das Heu analysieren und stellte fest: Zusätzlich zum recht niedrigen Gehalt an dünndarmverdaulichem Protein reichte der Zinkgehalt im Heu nicht aus, um den Bedarf zu decken. Und der Manganwert war tatsächlich sehr hoch im Heu. Heuanalyse, Blutbild und Symptome passten also exakt zusammen.

 

In einer meiner anderen Heuchargen (von dem Lieferanten, von dem ich vorher Heu bezogen hatte) dagegen lag der Zinkgehalt bei 59 mg / kg. Hier reichte also der Zinkgehalt absolut aus, den Bedarf zu decken. Bei 10 kg Heu pro Tag wären das 590 mg Zink pro Tag. Auch die anderen Werte waren entsprechend höher. Bei einem solchen Heu muss ich also nicht ergänzen und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass die natürliche Fütterung über Jahre so gut bei uns funktionierte! Bis ich dann die Heufütterung veränderte (weil meine Pferde energieärmeres Heu benötigen) und nun Heu mit eher durchschnittlichen Zinkwerten füttere...

 

Mein Fazit

Analyse von Seealgen (keiner bestimmte Marke!)
Analyse von Seealgen (keiner bestimmte Marke!)

Diese ganzen Berechnungen machen also doch durchaus Sinn! Und vor allem zeigt die Erfahrung (nicht nur durch meine Pferde, auch durch viele Pferde im Kundenkreis): Blutwerte, Zustand des Pferdes und Heuanalysen passen in der Regel sehr gut zusammen. So würde ich entsprechende Forschungsergebnisse nicht einfach so vom Tisch wischen wollen.

 

Ja, es wäre schön, die Pferde rein natürlich ernähren zu können. Und sofern es dem Pferd gut geht, die Heuqualität passt und das Pferd nicht unter Mängeln leidet,  kann das durchaus auch funktionieren. Empfehlen möchte ich dabei aber zur Kontrolle Heuanalysen, um abschätzen zu können, was mit dem Heu tatsächlich gefüttert wird. Ist das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich, so sollte man in Abständen ab und zu einmal zur Kontrolle Blutuntersuchungen vornehmen lassen. Aber vor allem muss man sein Pferd im Blick haben. Das Pferd zeigt ja am besten an, ob alles passt. Man muss also nun nicht ständig alles analysieren und berechnen. Das sicher nicht! Denn wie gesagt: Schwankungen in der Nährstoffversorgung sind ja auch in der Natur normal. Aber doch sollte man hin und wieder einmal kontrollieren. Und treten Problem auf, so sollte man als erstes an die Heuqualität denken und hier zuerst schauen: Was füttere ich da überhaupt Tag für Tag als Hauptnahrungsmittel?

 

Ist "natürlich" immer gut und Chemie immer schlecht?

Einiges habe ich darüber schon geschrieben. Aber nicht immer lässt sich klar abgrenzen: Was ist Natur und was ist Chemie?  Denn Chemie ist eine NATURwissenschaft. Und die Übergänge zwischen dem, was wir als "natürlich" einstufen und dem, was wir als "Chemie" ansehen, sind fließend. Das kann man weder immer klar trennen, noch kann man die Qualität eines Stoffes ausschließlich danach beurteilen.

 

Ein einfaches Beispiel (zwar nicht aus der Fütterung, aber eben aus einem Bereich, in dem ich mich sehr gut auskenne): Handgemachten Seifen gelten als besonders natürliches Reinigungsmittel. Und sie bestehen ja vor allem aus schönen Pflanzenölen, ätherischen Ölen, Pflanzenextrakten und Kräutern. Aber der Herstellungsprozess ist ein rein chemischer Prozess. Bezeichnet man Seife deswegen als synthetisch oder als "Chemiebombe"? Ist das also schon "böse Chemie"? Wohl kaum jemand denkt bei einer schönen Pflanzenölseife an diese Begriffe. Und auf der anderen Seite gibt es sicher so einige Stoffe, die weit weniger stark chemisch verändert sind als eine Seife und trotzdem deutlich kritischer zu betrachten sind. Das Maß der chemischen Veränderung ist also nicht immer als sinnvolles einziges Qualitätsmerkmal anzusehen.

 

Sicher haben wir alle so unsere Vorstellungen, was wir meinen, wenn wir "die böse Chemie" im Kopf haben. Und das möchte ich keinesfalls verharmlosen! Natürlich ist ein sorgsamer Umgang damit wichtig. Aber nicht nur "chemische" Stoffe können den Stoffwechsel unserer Pferde belasten, unpassend gegebene Kräuter oder "natürliche" Futtermittel in schlechter Qualität belasten ebenso!

 

Eine pauschale Schwarz-Weiß-Unterteilung sehe ich als gefährlich an. Darum ist mein Motto immer ganz pragmatisch: "So wenig wie möglich, aber so viel wie nötig". Nicht nach Schwarz-Weiß-Philosophien sollte entschieden werden, sondern nach gesundem Menschenverstand!