Mein Pferd wird alt!

Cimbria war ein solch geduldiges Kinderpony!
Cimbria war ein solch geduldiges Kinderpony!

Zeit vergeht so schnell! Gefühlt ist es doch gerade erst gewesen, dass unsere Töchter fröhlich mit  Cimbria umherzogen, mit ihr und den Fohlen auf der Weide herumtüddelten und einfach eine tolle Zeit hatten! 

 

Nun sind die Kinder längst erwachsen und Cimbria ist eine alte Pferdedame geworden. Viel haben wir in all den Jahren zusammen erlebt: Anfangs haben wir Kurse zusammen besucht, sie hat viele Kinder geduldig auf ihrem Rücken getragen und so einigen Kindern hat sie einen ersten Kontakt zum Pferd ermöglicht. Für unsere Töchter war sie einfach immer da. Sie gehört  zur Familie und war und ist in manch turbulenten Zeiten Seelentröster und Ruhepol.  Meinen ganzen Weg durch verschiedene Reitweisen und Ausbildungsmethoden hat sie geduldig ertragen, vieles haben wir durch sie und mit ihr zusammen gelernt. Und in all den Jahren sind wir immer enger zusammengewachsen. Heute schaue ich sehr dankbar auf diese schöne Zeit zurück und freue mich über die Vertrautheit zwischen uns. 

Vor ungefähr anderthalb Jahr wurde es sehr deutlich, dass Cimbria nun wirklich beginnt alt zu werden. Ihr genaues Alter kennen wir nicht, sie ist wohl so ca. Mitte / Ende 20. Erst litt sie unter Kotwasser, nahm ab, bekam schließlich eine heftige Kolik. Ich wusste immer, dass sie im Alter sicher Probleme in dieser Richtung bekommen würde und nun war es offenbar so weit. 

 

Eigentlich ging es sogar eine weit längere Zeit  gut, als wir anfangs zu hoffen gewagt hatten. Denn schon als sie vor über 16 Jahren zu uns kam, hatte sie extrem schlechte Zähne. Über die Jahre stabilisierte sich das zwar ein wenig, aber es mussten immer wieder auch Zähne entfernt werden. Auf dem nebenstehenden Foto sieht man, wie schräg sich ihre Zähne abnutzen. Sie verfügt also nicht über eine normale Kaufläche wie andere Pferde, kam aber all die Jahre recht gut damit zurecht und ich habe sie ganz normal gefüttert wie andere Pferde auch. 

 

Natürlich hat sie ab und an "Röllchen gekaut", aber durch konsequente, regelmäßige Zahnbehandlungen blieb es im Rahmen. Trotz dieser Problematik war sie sogar immer eher zu dick und erfreute sich ansonsten bester Gesundheit. 

Jedoch darf man nicht unterschätzen, wie stark sich die Darmflora eines Pferdes verändert, wenn über Jahre nicht gut gekaut werden kann.  Den Kotbollen sieht man gar nicht auf den ersten Blick an, WIE grob Cimbria tatsächlich das Futter abschluckt. Löst man aber Kotbollen in Wasser auf und breitet etwas davon auf Küchenpapier aus, kann man sehr gut die unterschiedlichen Faserlängen erkennen: Links auf dem Foto Kot von einem gesunden Pferd, rechts im Bild von unserer Cimbria!

 

Lange Zeit verfütterte ich darum recht feines Heu, das Cimbria gut kauen konnte. Cimbria ging es damit prima - aber die beiden jungen Stuten wurden viel zu dick. So konnte ich nicht weiter machen! Erst versuchte ich, Cimbria von den beiden anderen Stuten stundenweise abzutrennen, um ihr weiterhin feines Heu geben zu können, während die anderen beiden energieärmes, gröberes Heu bekommen sollten. Theoretisch ein guter Plan - aber Cimbria sah das anders. Heu wollte sie nur in Gesellschaft der beiden anderen fressen, also bekam auch sie nun das gröbere Heu. Und auch das ging zunächst noch erstaunlich gut!

Grasen an der Hand beim Spaziergang ist für Cimbria sehr wichtig und ich kann dabei einfach mal entspannen!
Grasen an der Hand beim Spaziergang ist für Cimbria sehr wichtig und ich kann dabei einfach mal entspannen!

Bis eben zu dem Punkt vor einem Jahr: Überall waren nun solche Heuröllchen wie auf dem Foto zu finden, Cimbria kaute immer schlechter. Eine erneute Zahnbehandlung stand natürlich an, es mussten wieder Zähne entfernt werden und das brachte zunächst auch ein wenig Besserung. Aber sie nahm immer mehr ab, hatte Kotwasser und heftigen Durchfall und bekam schließlich die Kolik. Sie fraß immer mehr Heucobs, nahm schließlich nicht weiter ab, sah aber immer noch schlecht aus und wir bekamen Durchfall und Kotwasser mit all unseren Tricks und Mitteln, die bei ihr sonst immer halfen, einfach nicht in den Griff.

 

Ein Blutbild ergab, dass sie unter Blutarmut litt und einige Entzündungswerte verschoben waren. Der pH-Wert im Kot war zu niedrig, die Darmflora natürlich ebenfalls verschoben und es wurde auch Blut im Kot gefunden. Was also tun? Wir begannen eine Cortison-Therapie und ich stellte vieles in der Fütterung um. Und genau das ist der Grund, aus dem ich diesen Artikel schreibe: Viele meiner Kunden betreuen alte Pferde und immer wieder sehe ich, wie schwer es fällt, für diese alten Pferde die vorher als gut erachteten Fütterungs-Pfade zu verlassen. 

 

Viele Pferdeleute haben feste Vorstellungen davon, wie gute Pferdefütterung aussehen sollte. So möchte man möglichst wenig Kraftfutter geben und statt dessen den Energiebedarf rein über das Heu decken. Zusätzlich gibt es höchstens eine kleine Hand voll Heucobs, Hafer o.a., um das Mineralfutter untermischen zu können. So war es all die Jahre gut.  Aber nun ist das Pferd alt und das funktioniert oft so nicht mehr! Man muss umdenken!

 

Immer wieder bekomme ich Anfragen, in denen nach einem Mineralfutter fürs alte Pferd gefragt wird, weil dieses so abgenommen habe. Nimmt aber das Pferd ab, obwohl es 24 Stunden Heu zur freien Verfügung hat, so muss man an anderer Stelle ansetzen als beim Mineralfutter. Zunächst sollte man natürlich nach gesundheitlichen Dingen schauen (Zähne, Magen, Schmerzen usw).  Und dann braucht das Pferd anderes, energiereiches Futter zusätzlich! Es braucht also Krippenfutter. Und zwar u.U. in wirklich großen Mengen! Diese Mengen sind für viele Pferdehalter erst einmal vollkommen ungewohnt. Denn es geht hier nicht um kleine Zahnputzbecher voll Heucobs - es können manchmal  mehrere Kilo unterschiedlicher Zusatzfutter täglich nötig sein! Und manchmal müssen auch Futtermittel mit einbezogen werden, denen man eigentlich sonst eher skeptisch gegenüber stand. Aber bedenken sollte man bei den alten Pferden immer: Sie brauchen JETZT Lebensqualität! Prinzipienreiterei hat in der Versorgung alter Pferde nichts zu suchen. 

Natürlich brauchen auch alte Pferde Bewegung!
Natürlich brauchen auch alte Pferde Bewegung!

Auch für mich war es erst einmal ungewohnt und sicher war es nicht mein Ziel, meinem Pferd dauerhaft Cortison zu geben. Und auch ich musste mich erst einmal neu organisieren, musste einiges verändern und für die Fütterung ein weitaus größeres Zeit- und Geldbudget einplanen gegenüber früher. Alte Pferde zu versorgen ist weder billig noch einfach! 

 

Aber wir haben doch die Verantwortung für dieses Lebewesen übernommen! Sie sind doch auf uns angewiesen! Und wenn ein Pferd nicht mehr gut kauen oder nicht ausreichend verwerten kann, dann MUSS ich als Mensch dafür sorgen, dass es mindestens einmal täglich eine gute Portion eingeweichter Heucobs oder / und anderer nötiger Futtermittel und Medikamente bekommt (und oft ist das sogar mehrmals täglich nötig)! Viel zu häufig höre ich: "Aber ich bin doch nur noch 2 x in der Woche (oder jeden 2 Tag oder, oder, oder) bei meinem alten Pferd!"

 

Ganz klar: Dann muss man etwas organisieren und sich Hilfe suchen! Keinesfalls kann man nun 2 x in der Woche eine riesige Ration Heucobs geben und an den anderen Tagen gibt es wieder nur Heu. Denn auch bei den alten Pferden gilt natürlich: Die Gewöhnung an die andere Futtermittel oder / und so viel höhere Mengen muss langsam erfolgen. Da kann man nicht so ab und zu plötzlich große Mengen Heucobs auffahren. Das muss schon langsam hochgefahren werden und dann kontinuierlich täglich (oder auch mehrmals täglich) gegeben werden.

Als Beispiel für Mengen, die erforderlich sein können, schreibe ich nun über Cimbrias Futterrationen. Das heißt natürlich nicht, dass DIESE Rationen auch für andere Pferde so gelten, da muss man jeweils individuell schauen! Mir geht es nur darum zu zeigen, was manchmal tatsächlich nötig sein kann - trotz einer 24 Stunden Heufütterung. Es ist also lediglich ein Beispiel!

 

Zunächst bekam Cimbria (ein 1,35 m-Pony) eine ganze Weile lang (natürlich hatten wir die Mengen langsam gesteigert) täglich auf mehrere Mahlzeiten verteilt insgesamt 500 g unmelassierte Rübenschnitzel, 1,5 kg Luzernecobs und 2 kg Heucobs. Dazu 100 g eines Leinsamenproduktes, Mineralfutter, Aminosäuren und unterschiedliche Dinge für den Darm. 

 

Wie man sieht, füttere ich diese Dinge nicht aus einem Eimer, denn sie wühlt (wie die meisten Pferde, die solche Mengen bekommen) immer kräftig mit dem Maul im Futter herum. So bekommt sie also jeweils alles in einem großen Kübel serviert. 

 

Die unmelassierten Rübenschnitzel taten ihrem Darm tatsächlich sehr gut, obwohl das ein Futtermittel ist, das ich früher als recht überflüssig ansah.  Nach einigen Monaten begann sie jedoch etwas zu mäkeln und sie brauchte extrem lange für ihre Ration und so schlich ich die Rübenschnitzel aus. Sie hatte inzwischen auch etwas zugenommen. Weil es ihr nur mit Heu- und Luzernecobs aber nicht so gut wie gewünscht ging, probierte ich das ExtruVital aus. Und Cimbria liebt es! Ich steigerte es auf 500 g / Tag und sie bekam nun also täglich 1 kg Luzernecobs, 2 kg Heucobs, 500 g ExtruVital, 100 g getrocknete Karottenwürfel und ihre sonstigen Zusätze. Und ich denke, auf den obigen Fotos sieht man ganz schön, wie gut ihr das tat! 

 

Sie nahm nun also sehr gut zu, so dass ich ExtruVital auf 200 g reduzierte, Luzernecobs auf 500 g und Heucobs auf 1 kg. Inzwischen sieht sie wirklich super aus, ist fit und fröhlich und ich stelle wieder ein bisschen um, weil sie zu viel Eingeweichtes momentan nicht so gerne mag und weil sie mir tatsächlich fast etwas zu dick wird (ein bisschen Reserve habe ich aber immer gerne bei ihr!)

 

Man sieht also: Alte Pferde muss man mit viel Augenmaß versorgen. Die Ration, die man einmal festlegt, muss nicht über Jahre so bleiben. Natürlich darf man nun nicht ständig hin und her wechseln und immer wieder was anders probieren! DAS wäre auch falsch! Aber mit den nötigen Mengen muss man manchmal schon etwas spielen und man muss auch unterschiedliche Vorlieben des Pferde berücksichtigen, damit es die nötigen Futtermengen auch aufnimmt.

 

Bei allem, was man tut, muss man immer die Lebensqualität des Pferdes JETZT im Auge haben. Es stellen sich natürlich meist diverse Wehwehchen ein. Das ist bei uns so und das ist auch bei unseren Tieren so. Ein Stück weit muss man es akzeptieren lernen, dass das nun alte Pferd natürlich nicht mehr so fröhlich umherspringt wie noch vor 10 Jahren. Und das gilt es auch so anzunehmen, damit sich auch unser Pferd weiterhin angenommen fühlt.

 

Aber  viel zu häufig sieht man alte Pferde mit heftige Schmerzanzeichen im Gesicht. Bei jungen Pferden wägt man natürlich sehr genau ab: Wann sind Medikamente wie beispielsweise Schmerzmittel und Cortison wirklich nötig? Bei alten Pferden muss man da aber oft anders denken: Vieles kann sich im Alter einfach nicht mehr bessern. Da muss man jetzt kurzfristig  helfen. Darum meine dringende Bitte: Schwarz-Weiß-Denken ist selten eine gute Idee. Aber gerade in der Versorgung alter Pferde muss man oft umdenken und auch Dinge nutzen, die man vorher vielleicht abgelehnt hat, damit das Pferd auch seine letzten Jahre genießen und in Würde altern kann!